Gesichter
Steinig ist der Weg zu den Sternen
Ein Gespräch mit Veszelovszky Norbert über Zuhause, Beharrlichkeit und darüber, wie eine Frisur einem Menschen etwas von seinem Selbstvertrauen und seiner Würde zurückgeben kann.
Veszelovszky Norbert ist Friseurmeister, Fachausbilder, Landesmeister und Träger des Titels „Friseur des Jahres“. Seine Laufbahn begann er 2011 als Lehrling bei Hajas László. Heute ist er Ausbildungsfriseur für Herren im Salon der Hajas-Salons in der Retek utca und Mitglied des Kreativteams.
Seine Arbeit wurde vielfach fachlich ausgezeichnet. Neben seinem Landesmeistertitel hat er auch als Ausbilder Besonderes erreicht: Seine erste Auszubildende, Veszelovszky Dóra, gewann das Landesfinale des Szakma Sztárja Fesztivál (Festival „Star des Handwerks“), und die Budapester Industrie- und Handelskammer würdigte die beiden für die Vorbereitung mit einer Ehrenurkunde.
Er hat bei Modenschauen und Fashion Weeks, für Fernsehsendungen, Musikvideos und bei Filmdreharbeiten gearbeitet. Bei den Filmen Ma este gyilkolunk und Sárkányok Kabul felett war er als Filmfriseur für die Darsteller tätig, bei den Dreharbeiten zu Magyar menyegző leitete er sein Team bereits als Chef-Friseur. Durch seine Hände gingen zahlreiche Schauspieler, Musiker, Sportler und bekannte Persönlichkeiten.
Hinter den Titeln und Erfolgen zeichnet sich jedoch die Geschichte eines Menschen ab, dessen Weg alles andere als selbstverständlich war.
Norbi verlor schon früh den Halt, den ein Zuhause und ein sicherer Rückhalt geben. Das Friseurhandwerk war für ihn zuerst etwas, woran er sich festhalten konnte, und ein Ausweg; später wurde es zur Berufung, zu einem Teil seiner Identität und zur Möglichkeit, auch anderen etwas von ihrem Selbstvertrauen zurückzugeben.
Vielleicht wendet er sich gerade deshalb so selbstverständlich jenen Kindern zu, denen selbst die Geborgenheit eines Zuhauses fehlt. Regelmäßig unterstützt er die Bewohner des Kinderheims Esze Tamás mit Ausstattung, gemeinsamen Unternehmungen und kostenlosen Haarschnitten. Außerdem engagiert er sich seit Jahren in Initiativen für Kinderheime und kranke Kinder und übernimmt in Sommerlagern die Aufgabe eines Betreuers.
Wenn er den Kindern die Haare schneidet, schenkt er ihnen nicht nur eine neue Frisur. Er vermittelt ihnen auch Aufmerksamkeit, Selbstvertrauen und das Gefühl, wichtig zu sein. Norbi weiß nämlich genau, wie viel es bedeuten kann, wenn jemand – und sei es nur für kurze Zeit – zu einem festen Halt im Leben eines anderen Menschen wird.
Mit ihm haben wir darüber gesprochen, was ihn in der schwersten Zeit getragen hat und warum das Lächeln eines Kindes mehr wert ist als jede Bezahlung.
Wenn sich jemand zum ersten Mal auf Ihren Stuhl setzt – was soll er in den ersten Minuten von Ihnen spüren?
Dass er in guten Händen ist. Dass ich auf dem neuesten Stand bin, mich viel weiterbilde und liebe, was ich tue. Neben dem fachlichen Können möchte ich auch Ruhe vermitteln.
Wie würden Sie den Norbi beschreiben, der Sie heute sind – nicht über Ihre Titel, sondern als Mensch?
Ich bin ein Typ, der Neues liebt. Ich probiere gern alle Seiten meines Berufs aus, suche Herausforderungen und möchte dabei auch etwas von dem weitergeben, was ich kann. Fröhlich, locker, präzise und offen – ich glaube, diese vier Worte beschreiben mich.
Sie haben sehr früh erfahren, wie es ist, das Zuhause und die Sicherheit zu verlieren. Was ist Ihnen aus dieser Zeit am stärksten geblieben?
Vor allem erinnere ich mich an die Einsamkeit. Da war ich, und da war der Beruf. Der hat mich gehalten. Ich wusste, dass ich mich nicht zurücklehnen durfte. Jeden Tag musste ich etwas für mich tun.
Was hat Ihnen damals Kraft gegeben, als Sie noch nicht sehen konnten, wie daraus ein anderes Leben werden sollte?
Die Hoffnung und meine Sturheit. Ich spürte in mir: Es darf einfach nicht sein, dass ich es nicht schaffe. Es gab immer jemanden, der es noch schwerer hatte als ich, und ich wollte es beweisen – vor allem mir selbst. Jeder Morgen war eine Entscheidung.
Gab es jemanden an Ihrer Seite, der an Sie geglaubt hat?
Meine Tante, Veszelovszky Viki, und mein bester Freund Benjamin haben die ganze Zeit an mich geglaubt. Aber zuerst musste ich selbst glauben, dass ich es kann.
Wenn Sie sich jetzt neben den jungen Norbi von damals setzen könnten – was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihm sagen, er soll nicht ungeduldig sein. Alles wird so kommen, wie er es sich erträumt hat – er soll es nur nicht erzwingen. Er soll auch genießen, was er gerade hat, und sich trauen, noch größer zu träumen.
Der Beruf, der ihm Halt gab
Wie kam das Friseurhandwerk in Ihr Leben?
Durch meine Tante. Sie war damals schon Friseurin. Ich sah, wie sie lebte, welches Leben ihr dieser Beruf ermöglichte, und das wollte ich auch. Später haben wir gemeinsam die Ausbilderprüfung und danach auch die Meisterprüfung abgelegt. Es war Liebe – und zugleich ein Ausweg.
Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie nicht einfach eine Arbeit gefunden hatten, sondern etwas, worin Sie wirklich gut sein können?
Als ich zum ersten Mal spürte, dass der Kunde nicht nur eine Frisur bekommt, sondern auch Selbstvertrauen. Da habe ich verstanden, dass das mehr ist als Arbeit.
Was bedeutet es Ihnen, heute einer der führenden Friseurmeister im Hajas Salon zu sein?
Die Erfüllung eines Kindheitstraums. Die Möglichkeit, das Leben zu führen, nach dem ich mich immer gesehnt habe. Nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch eine Bestätigung.
Wann ist Ihnen zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wie weit Sie gekommen sind?
Als ich meinen ersten Lehrling bekam. Der andere prägende Moment war, als mich ein namhafter Produzent persönlich für einen Kinofilm anfragte. Ich stand da und spürte: Das ist jetzt eine andere Liga.
Wie viel hatte auf Ihrem Weg Ihrer Meinung nach mit Talent zu tun – und wie viel mit Ausdauer?
Mein Ausbilder bei Hajas sagte einmal: „Ich bin nicht talentiert, aber ich habe viel geübt. Du, Norbi, bist talentiert – also übe umso mehr.“ Das ist bis heute mein Motto. Ausdauer bringt einen voran.
Was macht das Friseurhandwerk für Sie zu mehr als einem Haarschnitt?
Dadurch kann ich der sein, der ich bin. Es geht nicht nur um Haare, sondern um Identität, Selbstausdruck und ein bisschen auch um Therapie. Dem Kunden kann ich nur mich selbst geben: meine Geschichte, meine Aufmerksamkeit und mein Wissen. Das macht es persönlich.
Kommt es vor, dass jemand mit einer anderen Haltung oder in einer anderen Verfassung von Ihrem Stuhl aufsteht, als er sich hingesetzt hat?
Zum Glück oft. Das ist die beste Bestätigung, dass ich meine Arbeit gut mache. Wenn jemand sieht, dass er schön ist, und spürt, dass man wirklich auf ihn geachtet hat, bekommt er ein Stück seines Selbstvertrauens zurück.
Ein fester Halt sein
Wie kamen Sie in Kontakt mit den jungen Menschen, die im Kinderheim leben?
Bei Dreharbeiten lernte ich Adri kennen. Adri arbeitete dort in der Garderobe und ist im Alltag in der Betreuung des Kinderheims tätig. So hat alles angefangen.
Warum war es Ihnen wichtig, ihnen kostenlos die Haare zu schneiden?
Ich könnte mir nicht vorstellen, in dieser Situation etwas anderes anzunehmen als ein Lächeln, eine Umarmung oder ein selbst gemachtes Armband. Wenn sie mich auf der Straße grüßen oder zu mir aufschauen, ist mir das mehr wert als Geld.
Wie war Ihre erste Begegnung?
Anfangs waren sie zurückhaltend, was völlig verständlich ist. Es hat Zeit gebraucht, bis wir uns angefreundet haben. Zuerst glaubten sie nicht einmal, dass ihre Haare anders aussehen würden als früher, wenn die Betreuer sie geschnitten hatten.
Was sehen Sie in ihren Gesichtern, wenn sie mit der fertigen Frisur in den Spiegel schauen?
Glück, Freude und Selbstvertrauen. Dass sie spüren: Sie sind mir wichtig. Das ist das Größte.
Gibt es einen Satz oder eine Begegnung, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Einmal kam einer von ihnen auf der Straße auf mich zugerannt. Über mich wurde auch schon gesagt: „Schau, der schneidet wie auf Insta, der kriegt alles hin.“ Aber die schönste Frage ist wohl immer: „Wann kommst du wieder?“ So etwas tut richtig gut.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie, wenn Sie ihnen etwas geben, auch ein wenig den jungen Norbi von damals erreichen?
Absolut. Ich möchte glauben, dass ich für sie ein fester Halt sein kann. Zumindest für die Zeit, in der ich ihnen die Haare richte.
Was sollen sie aus der Art, wie Sie ihnen begegnen, über sich selbst lernen?
Dass auch sie zählen. Und zwar sehr.
Nach Hause finden
Was bedeutet Zuhause heute für Sie?
Es klingt vielleicht oberflächlich, aber für mich ist es ein Ort, an dem ich niemandem ausgeliefert bin. Wo ich ich selbst sein kann. Wirklich zu Hause fühle ich mich, wenn mein Privatleben und meine Arbeit in geordneten Bahnen laufen und ich im Gleichgewicht bin.
Was würden Sie jemandem sagen, der gerade das Gefühl hat, keinen Halt zu haben, und den nächsten Schritt nicht sieht?
Beschäftigen Sie sich mit dem, was Sie lieben. Wenn Sie Ihre Arbeit und Ihre Energie hineinstecken, zahlt es sich früher oder später ganz sicher aus. Und glauben Sie an sich.
Schnelle Fragen an Norbi – diesmal von den Kindern
Beim letzten gemeinsamen Haareschneiden hatten auch die Kinder einige Fragen vorbereitet. Sie fragten Norbi nicht unbedingt nach den großen Dingen des Lebens – eher nach all dem, was man über jemanden wirklich wissen muss.
- Was ist Ihr Lieblingsessen?Brassói – ein ungarisches Gericht aus Schweinefleisch und Kartoffeln.
- Und Ihr Lieblingsgetränk?Cola.
- Welchen Song hören Sie gerade am liebsten?Roy Woods: Beautiful.
- Wie alt waren Sie, als Sie als Friseur angefangen haben?Zwanzig – hier im Hajas Salon.
- Was ist Ihre Lieblingsmannschaft?Fradi (Ferencváros). Weil ich als Kind zum ersten Mal bei einem Fradi-Spiel war.
- Wer ist Ihr Lieblingssänger?Post Malone.
- Welches Auto hätten Sie gern?Der Traum: ein neuer Toyota Supra. Die Realität: ein Plug-in-Hybrid von BYD.
- In welchem Film hätten Sie gern mitgespielt?In Harry Potter. Als Draco, der Bösewicht.
- Und bei welcher Film- oder Serienproduktion hätten Sie am liebsten als Friseur gearbeitet?Bei Peaky Blinders – Gangs of Birmingham.
Wenn Sie einem Menschen einen einzigen Satz aus Ihrer Lebensgeschichte als Wegzehrung ums Handgelenk binden könnten – welcher wäre es?
„Steinig ist der Weg zu den Sternen. Glaub an dich.“











